Honda NT 1100 DCT, Modell 2025

Das Sports Utility Vehicle oder kurz unser SUV
Das Problem:
Keines unserer Motorräder erlaubt bei mehrtägigen Reisen eine größere persönliche Ausstattung als 1 x Zahnbürste plus 1 x Unterhose. Es sei denn, die NC 750 fährt mit ihrem Stauraum mit, wodurch die Reise allerdings zu einem Bummelzug wird.
Die Lösung:
Ein richtiges 2-Personen-Moped muss her, komfortabel und mit Stauraum.
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Die Wahl fiel auf die Honda NT 1100 mit allem Drum und Dran.
Nenne irgendwas - sie hat es.
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elektronisches Fahrwerk
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mehrere DCT Getriebemodi
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Windschutz, Griffheizung und Tempomat​
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3 Fahrmodi und 2 einstellbare Benutzerprofile
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mehrere Steckdosen
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großes Touch-Farbdisplay u.a. zum Spiegeln von Google Maps vom Handy
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mehrere Bildschirmdarstellungen von Information
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Traktionskontrolle / Wheelie-Control
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Elektronisch geregelte Zweikanal-ABS-Anlage mit automatischer Bremskraftverteilung
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3 Koffer mit genialem Haltesystem per Zündschlüssel
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2 bequeme Sitze
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x Assistenzsysteme und jede Menge Knöpfe / Schalter
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Trotzdem hatten Tochter T. und ich nicht mit der völligen Andersartigkeit dieser Motorradgattung im Vergleich zu unseren anderen Maschinen gerechnet.
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Wie zum Teufel steigt man auf so einen vollgepackten Bock auf? Lockeres Bein-drüber-Schwingen ist hier nicht - man prallt an den Koffern ab. Und wenn es der Fahrer mit schlangenartigen Kapriolen doch irgendwie geschafft hat, wird der Schwierigkeitsgrad für den Beifahrer noch einmal dramatisch erhöht. Bei unseren kläglichen Versuchen empfahlen freundliche Nachbarn immer ein Treppchen mitzunehmen, Stauraum gäbe es ja reichlich. Und sollte dafür kein Platz sein - eine Strickleiter täte es auch. Einer der Zuschauer holte Popcorn raus für die skurrile Show.
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Es ist tatsächlich so, dass man das Auf- und Absteigen lernen muss. Aufgestiegen wird über die Fußrasten, die als Treppe dienen. Absteigen ebenso. Dabei muss man dem Seitenständer vertrauen. Wie wir herausfanden, ist der bei der NT für 500 kg ausgelegt. Und in der Tat kann man sich an das Moped dranhängen wie ein Affe ohne es zu beeindrucken.
Zum Test habe ich naheliegenderweise selbst den Affen gespielt.

Der Klotz wiegt etwa 250 kg und will beim Rangieren sicher bewegt werden. Für kleine Leute wird das schwierig. Da sind beim Rückwärtsschieben schon mal die Arme zu kurz und beim Anhalten schweben auch mal ein bis zwei Beine in der Luft. Das Motorrad ist für uns Liliputaner einfach zu hoch. Wie zu hören war, sollen Beifahrer beim Absteigen regelrecht abgestürzt sein. Tochter T. zum Beispiel fand sich danach im Rollstuhl wieder.
Also runter mit dem Teil durch einen Tieferlegungset. Für den Hauptständer wurde es dadurch reichlich eng. Aber mal ehrlich: Wer braucht denn so ein Teil? Unnötig Gewicht - fort mit'm!
Resultat der Tieferlegung: Ah, wie angenehm!

Hat man sich mittels der 1000-seitigen Anleitung mit den vielen Knöpfen und Funktionen zumindest theoretisch vertraut gemacht (auf dem Bild ist nur eine Lenkerseite zu sehen, auf der anderen Seite sieht es ähnlich aus), heißt es auf dem Sofa Platz nehmen zur ersten Ausfahrt!

Mooooment!
So einfach geht das aber nicht. Schließlich wollen wir SUV fahren.

Zündung an – und erstmal warten bis Display, Systemchecks und Fahrmodi durch sind.
Soweit so normal.
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Aber dann kommt ein nerviger Sicherheitsbildschirm. Und zwar jedes Mal!
„Bitte bestätigen Sie, dass Sie nicht einschlafen, rückwärts fahren oder die Physik ignorieren.“
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Das "System"...
Tja, man muss sich doch ziemlich umgewöhnen.
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Wenn dann endlich einer der vielen Fahr-Bildschirme zu sehen ist, kann man tatsächlich den Motor anlassen. Sollte man der Versuchung erliegen, vorher den Startknopf zu drücken, kann es ein Fahrmodusdurcheinander geben.
Hier der Bildschirm mit den Einstellungen, die wir für die ersten paar tausend Kilometer vorgesehen haben. Das DCT schaltet bei einem neuen Fahrzeug noch etwas ruckartig, wird aber im Laufe der Zeit immer geschmeidiger. Dann darf der Herr Computer den Motor auch direkter Gas annehmen lassen und die Motorbremse verstärken.
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Doch was ist das?
Kaum eine halbe Stunde gefahren, schläft die Gashand ein. Erst ein Kribbeln und am Ende ein Taubheitsgefühl.
Noch mal eine Runde gedreht, wieder gehen die Vibrationen des Motors ungebremst ins Handgelenk, so dass es nach 30 Minuten heißt: Aua!
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Da man so nicht die Welt umrunden kann, musste Abhilfe her. Handgelenkentlastung war also das nächste Topic.

Da es für die NT 1100 ja nichts gibt, was es nicht gibt, wurde also kurzerhand eine passende Lenkererhöhung eingebaut. Danach war Schluss mit dem Lotterleben, das die Gashand bisher führte. Jetzt bleibt sie ebenso wach wie alle anderen mitfahrenden Körperteile.
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Weil man jetzt ganztägig fahren kann, kommt man auch unweigerlich in die Dämmerung hinein. Das Licht der NT ist perfekt hell. Das Licht des Displays ist sogar noch heller. Und zwar so hell, als würde man direkt in eine LED-Taschenlampe gucken. Natürlich verfügt die Honda NT 1100 über einen Sensor, der die Leuchtkraft herunterregelt, wenn die Nacht hereinbricht. Aber er reagiert viel zu spät.
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Das musste abgestellt werden, kompromisslos!
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Was tun? Eingriff in die Software? Einen Microcontroller bauen, der die Regelung übernimmt? Honda vor den Internationalen Gerichtshof zerren? Oder ein winziges Stück schwarzes Isolierband über den Sensor kleben, um ihn zu 80% abzudecken?
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Nach tagelangen KI-gestützten Berechnungen zur richtigen Lösung stand der Sieger fest. Unangefochten auf Platz 1 lag - Trommelwirbel! - das Isolierband.
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Unsere Honda NT hatte noch keine 2000 km auf dem Buckel und wir haben nicht locker gelassen, bis alles passte. Und das war gut so.
Jetzt im Spätherbst ist es tatsächlich das einzige Motorrad, das wir überhaupt noch aus der Garage holen. Während auf den Nackten oder Halbnackten bei Temperaturen unter 10 Grad Schluss mit lustig ist, fährt man mit der NT noch gemütlich bei 3 Grad. Die verstellbare Scheibe, Windabweiser, die Verkleidung und die Griffheizung machen es möglich.
Wir wollten mal schnell alte Kleidung in den Container werfen. Normalerweise hätten wir das Auto genommen. Aber es passte alles in das Topcase der NT und warum nicht mit dem Motorrad fahren? Und mit einem großen Umweg wieder nach Hause fahren.
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Der letzte Punkt, der mir ein wenig Sorgen macht, ist die Batterie. Um an sie heran zu kommen, muss man sich in den Dreck werfen und ganz unten erst einmal schrauben. Hat man den Deckel ab, muss man eine Art Butterbrotdose herausziehen. Dahinter befindet sich die Batterie.
Da die japanischen Entwickler sicherlich alles gut durchdacht haben für ein Motorrad, dass rund um den Globus fahren kann, vermute ich, dass diese Butterbrotdose ein Geheimfach ist, in dem man wichtige Dinge versteckt, die im Falle eines Überfalls verschont bleiben sollen.
Oder so.
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Ich habe jedenfalls Präser reingetan. Man weiß ja nie.

Wie eingangs erwähnt, hatten Tochter T. und ich nicht mit der Andersartigkeit dieser Motorradgattung gerechnet. Und völlig anders als bisher ist, dass wir mit diesem Motorrad überall hinfahren können, egal welches Wetter ist und wie schlecht die Straßen sind.
Ich habe dazu mal die Jungs von Grand Tour dazu befragt.
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Clarkson (episch):
„Die NT 1100 ist ein ARBEITSTIER.
Die anderen sind… Künstler.
Wunderschön.
Unglaublich talentiert.
UND KOMPLETT UNBRAUCHBAR, wenn die Straße nicht aussieht wie ein frisch gebügeltes Tischtuch!“
May:
„Motorräder, die bei Schlaglöchern erst mal ihren Therapeuten anrufen müssen.“
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Hammond:
„Aber im Herzen… lieben wir sie trotzdem.“
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Clarkson:
„Ja. Aber nur die NT würde uns aus der Hölle rausfahren."
Fazit:
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Die NT 1100 DCT ist ein SUV auf 2 Rädern. Damit holt man nicht mal schnell Brötchen beim Bäcker, sondern man umrundet damit die Welt im Gran-Turismo-Komfort. Sie denkt mit – manchmal sogar schneller als man selbst.
Mit einigen wenigen Anpassungen ist sie nun alltagstauglicher als alle anderen Motorräder, die wir haben.
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Schlechtes Wetter, aber du willst trotzdem gerne fahren? Lass deinen Sportler stehen und fahre bequem, sicher und geschützt auf der NT.
Du befürchtest kalte Finger? Mach doch die Griffheizung an!
Dein Teddybär wird nass? Muss nicht sein! Wirf ihn doch einfach in einen der vielen Koffer!
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