Honda NC 750S DCT, Baujahr 2020

Gelassenheit auf 2 Rädern
Tochter T. war über ein Jahrzehnt Sozia auf meinen Motorrädern. Als sie selbst ihren Motorradführerschein machte, erreichte uns eine geniale Marketingstrategie von Honda. Auf einem hauseigenen Parcours wurden junge Leute eingeladen, einen Motorrad-Schnupperkurs zu machen. Sämtlichen Teilnehmern wurde eine 125er Honda samt Coach zur Verfügung gestellt.
Während die Buben und Mädel versuchten, ihre wildgewordenen Maschinen zu zähmen, fuhr Tochter T. einsam und alleine ihre Runden und Achten. Nach der halben Trainingszeit hatte ihr Coach ein Einsehen und setzte sie auf eine Honda NC 700S, mit der sie ebenfalls unbehelligt ihre Runden drehte, während ringsum das 125er Chaos tobte.
Zum Abschied gab es eine Teilnehmerurkunde plus einen Bonus von 1000 Euro, wenn sie vor ihrer Führerscheinprüfung eine Honda kauft - was wir gleich auf dem Rückweg nach Hause erledigten.

So wurde Tochter T. stolze Besitzerin einer - was wohl? - na klar, einer Honda NC 700S!
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Was ist das für ein Motorrad?
Honda dachte sich, man nehme einen Honda Jazz und schneide ihn halb durch. Bleiben 2 Räder und ein 2-Zylinder Motor übrig. Fertig ist das Motorrad.
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So gut es vom Gesamtentwurf ein prima Anfängermotorrad war, gab es einen entscheidenden Nachteil, nämlich die Automotor-Charakteristik.
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Du überholst einen LKW, fühlst dich mutig, drehst den Gashahn auf, der Sound wird kerniger, du wartest auf den "Kick" und... BAM! Begrenzer. Bei nur 6.500 Umdrehungen. Während du hektisch versuchst, den nächsten Gang reinzutreten, nickt dein Kopf vorwurfsvoll nach vorne, das Motorrad verliert an Schwung und der LKW-Fahrer schaut mitleidig zu dir runter. Es ist weniger ein Überholen, es ist mehr ein Verhungern auf der Gegenfahrbahn.​
Doch Tochter T. ist ein sehr geduldiger Mensch. Sie fuhr also 8 Jahre lang hinter den LKWs her, bis Honda einen aufgebohrten Nachfolger herausbrachte, die Honda NC 750S. Die musste her. Und zwar mit mit DCT-Getriebe!

Für die Nicht-Eingeweihten: DCT bedeutet, du hast keinen Kupplungshebel und keinen Schalthebel. Dein linker Fuß greift ins Leere und deine linke Hand winkt gelegentlich panisch in der Luft herum, weil das Muskelgedächtnis eine Kupplung sucht, die nicht da ist.
Die Tragödie des manuellen Überholens ist jetzt aber ausgestanden.
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Im DCT-Getriebe wohnt nämlich ein kleiner, sehr aufmerksamer Japaner.
Wenn du am Gasgriff drehst, spürt er deinen Wunsch nach Vortrieb. Er kichert kurz leise über die 55 PS, aber er respektiert den Versuch. Ohne Zugkraftunterbrechung – klack-klack – schaltet er zwei Gänge runter und zieht das Drehzahlband so perfekt bis an die rote Linie, wie du es manuell nie könntest. Kurz bevor der Begrenzer dir wieder den Hals brechen würde, legt der Herr DCT butterweich den nächsten Gang nach.
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Kein Ruckeln. Kein Kopfnicken. Nur "nahtlose" Beschleunigung (so nahtlos, wie Beschleunigung bei einem Motorrad eben sein kann, das 0 auf 100 in "irgendwann einmal" erledigt).

Aber machen wir uns nichts vor: Auch mit dem genialen DCT wird aus dem braven Ackergaul kein Rennpferd. Das Überholen bleibt ein Abenteuer, nur die Art der Spannung hat sich verändert.
Man muss sich den "Feind" (in der Regel ein Fiat Panda oder ein Holztransporter) zurechtlegen. Man braucht Anlauf. Man braucht Weitsicht.
Du drückst rechts am Lenker auf die Taste "S" (was bei Honda vermutlich für "Sport" steht, sich aber eher wie "etwas Schneller" anfühlt). Die Drehzahl steigt. Du lauerst im Windschatten. Ist die Lücke groß genug? Reicht der Schwung? Wenn das Timing stimmt, zieht die NC wie am Schnürchen gezogen vorbei.
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Als hinter Tochter T. ein anderes Motorrad auftauchte, hörte ich über den Helmfunk den legendären Ausspruch: "Wenn ich der wäre, würde ich mich überholen!"
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Die Honda NC 750S ist die Vernunft auf 2 Rädern. Absolut zuverlässig, aber nicht gerade für wilde Partys bekannt. Wenn Tochter T. von ihrem Motorrad erzählt, hört man Begriffe wie praktisch, solide und Helmfach.
Das absolut beste Feature ist nämlich der "falsche Tank". Wo andere Benzin schwappen haben, hat sie ein Staufach, in das ein ganzer Integralhelm, der Wocheneinkauf oder ein kleiner Dackel passt. Den Zapfhahn steckt man unter dem Soziussitz in den Einfüllstutzen, was bei den Zuschauern an der Tanke schon mal für offene Münder sorgt.
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Die NC 750 wird quasi rektal gefüttert, während die Fahrerin ihr Butterbrot aus dem vermeintlichen Tank holt.
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Nein, die NC reißt keine Löcher in den Asphalt. Sie massiert ihn eher sanft.
Aber wisst ihr was? Das ist okay. Die NC entschleunigt. Während andere nervös am Gas zucken, tuckert Tochter T. entspannt im 6. Gang bei 2.500 Umdrehungen durch die Landschaft und genießt die Aussicht. Ihr Puls ist dabei so niedrig, dass ihre Smartwatch denkt, sie würde schlafen.
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Die NC 750S verbraucht weniger Sprit als ein Feuerzeug. Sie vibriert nicht, sie zickt nicht, sie springt an, egal ob bei 40 Grad im Schatten oder bei Schneeregen. Sie ist wie dieser eine Kumpel, der vielleicht auch nicht der Partyknaller ist, der dich aber nachts um 4 Uhr ohne Fragen vom Flughafen abholt.
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Sie ist gemütlich, verzeiht Fahrfehler und bringt dich sicher nach Hause.
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Fazit:
Dieses Motorrad funktioniert. Immer und überall. Wenn die Apokalypse kommt, werden nur zwei Dinge überleben: Kakerlaken und die NC 750S.
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